Chorgesang ohne Fehl und Tadel in der Benediktinerkirche

18.07.2016 Bild und Artikel von Gunter Faigle, erschienen im Südkurier

"Wolfgang Schäfer und sein Freiburger Vokalensemble bieten in VS-Villingen geistliche Musik auf vorzüglichem Niveau

Die christliche Kultur gibt seit vielen Jahrhunderten durch kunstvollen Chorgesang der überirdischen Welt eine ganz spezifische Bedeutung und Würde. Einen außerordentlich kultivierten Nachweis für das Gewicht dieser These bot das geistliche Konzert des Freiburger Vokalensembles unter der Leitung von Wolfgang Schäfer in der Villinger Benediktinerkirche.

Es ist bekannt, was diesen famosen Chor buchstäblich seit Jahrzehnten auszeichnet: interpretatorisch eine ungemein sensible Gestaltungskraft, deren Skala von anrührender Eindringlichkeit bis zu glanzvollem Jubel reicht; technisch eine mustergültig reine Intonation, ein bruchlos fließender Atem, eine fein austarierte Balance zwischen den einzelnen Stimmen sowie eine äußerst kleinstufige Dynamik.

Wolfgang Schäfer zählt zu den bedeutenden deutschen Chorleitern, ihm verdankt das Vokalensemble die genannten Tugenden. Beim Publikum hat Schäfer seinen Ruf aber auch damit begründet, dass er Programme zusammenstellt, die musikhistorischen Spürsinn und souveränen Überblick mit selbstgewisser Offenheit für zeitgenössische Kompositionen kombinieren.

So eröffnet und beschließt er das Konzert in der Benediktinerkirche mit zwei Komponisten, die in einer Zeitdifferenz von viereinhalb Jahrhunderten gewirkt haben: dem 1998 in Hamburg verstorbenen Deutschrussen Alfred Schnittke sowie – in direkter Nachbarschaft – mit Richard Farrant, einem Engländer des 16. Jahrhunderts. Dabei ist zu Beginn Schnittkes klangstarker und spannungsreicher Erbarmensruf in russischer Sprache ebenso eindrucksvoll wie die viel weichere Variante von Farrant, gepflegt gesungen im Englisch der Reformationszeit.

Es überrascht etwas, dass die hier ausgesuchten Komponisten der jüngeren Generation lateinische Texte vertont haben – so der Norweger Ola Gjeilo, der Ungar György Orbán, der US-Amerikaner Morten Lauridsen oder der Däne Vagn Holmboe. Das Freiburger Vokalensemble folgt der von Gjeilo gewählten vielfältigen Klangsprache mit unverkrampft kontrollierter Energie; bei Orbán schildert es in hämmernd aufgeregter Rhythmik plastisch die tückischen Versuchungen des Dämon; bei Lauridsen gelingen ihm sphärische Klangfarben und ungewöhnlich sanft anmutende Dissonanzen; und bei Holmboe vereint es harmonische und rhythmische Kontraste mit bewundernswerter Schlüssigkeit. Es ist faszinierend, mit was für einem Stilgefühl die 30 Sängerinnen und Sänger zu Werke gehen. Bei einer Psalmenvertonung der ausgehenden Renaissancezeit des Niederländers Jan Pieterszoon Sweelinck setzen sie mit freudig wippendem Gestus ein, während sie bei dem Liechtensteiner Spätromantiker Josef Gabriel Rheinberger empfindsam den Ausdruck innigen Gefühls treffen..."