Subtilste Nuancen

10.10.2011 von Achim Stricker, erschienen im Schwäbischen Tagblatt

Das Freiburger Vokalensemble in der Motette

Tübingen. Man möchte jeden einzelnen dieser erlesenen Klänge für immer festhalten. In jedem Moment leuchten wieder neue, nie gehörte Wunder auf. Man hält den Atem an und kann in der Freude kaum fassen, dass die menschliche Stimme solche Zauberklänge hervorbringen kann. Das Freiburger Vokalensemble unter Leitung seines Gründers Wolfgang Schäfer gehört seit seiner Gründung vor exakt 40 Jahren zu den preisgekrönten deutschen Spitzenensembles.

Ein kluges Kunststück war schon allein die Anordnung des A-cappella-Repertoires. Während in den meisten Chorprogrammen die Stücke einfach chronologisch aufsteigend aneinandergereiht werden, wechselten hier ständig Altes und Zeitgenössisches und ergaben im Goetheschen Sinn eine systolisch-diastolisch gespannte Bewegung. Da stand Palestrinas „Sicut cervus“ direkt neben Bo Hanssons „Lighten mine eyes“ (2007) und trotz der völlig konträren Klangsphären ergab sich eine verblüffend einleuchtende Linie. Und zudem hatte der Programmverlauf feinsinnige Bezüge zur Motetten-Liturgie.

Der Ensembleklang der 14 Frauen- und elf Männerstimmen war vollkommen homogen ausbalanciert, dynamisch und artikulatorisch grenzenlos modulierbar. Ein Wunder an makelloser Intonation und unerschöpflicher Klanggestaltung. Dabei waren die Mittel meist subtil: Bei „Kommet her zu mir alle“ des Romantikers Albert Becker genügte in der Zeile „und meine Last ist leicht“ ein minimales Crescendo, gefolgt von einem leichten Nachgeben, um die Stelle mit Ausdruck aufzuladen. Das Wort „mühselig“ bekam durch eine winzige Vokalfärbung sprechenden Nachdruck. Betörend überstrahlten die Soprane den Chorsatz, überwältigend die umfassende Tiefe der Männerstimmen.

Selten klang klug reflektiertes Musizieren so spontan und natürlich. Besonders begeisterten die zeitgenössischen Werke. Randall Stroopes „The conversion of Saul“ veranschaulicht Sauls Bekehrung musikalisch. Brutal perkussives Skandieren und Aufstampfen lösen sich in weiche Harmonien auf. Unfassbar schön war Wolfram Buchenbergs „Ich bin das Brot des Lebens“ mit gesummten Glockenklängen und den Jesus-Worten in sakral changierenden Akkorden der Männerstimmen. Dagegen wirkte John Hoybyes technisch schweres „Jubilate Deo“ etwas wie aufwändiger Selbstzweck.

Als instrumentales Intermezzo spielte der junge Organist Peter Scholl den ersten Satz aus Mendelssohns Orgelsonate A-Dur op. 65/3. Die Motette endete, wie sie angefangen hatte, mit Palestrina. Das Agnus Dei aus der Missa brevis schloss mit einem verheißungsvollen Klang. Zum Einrahmen schön.