Perfekte Stimmbalance

18.07.2016 von Klaus Roß, erschienen in der Rhein-Neckar-Zeitung

Das Freiburger Vokalensemble gastierte in der Jesuitenkirche

Auf 45 gemeinsame Jahre können das Freiburger Vokalensemble und sein Gründer Wolfgang Schäfer mittlerweile zurückblicken. Dass diese international renommierte Formation nach wie vor zu den Referenzadressen der Zunft zählt, wurde bei ihrem eindrucksvollen Gastspiel in der Heidelberger Jesuitenkirche deutlich.

Zu erleben war eine Sternstunde des A-cappella-Chorgesanges: Die mit 16 Frauen- und 13 Männerstimmen angetretene Schäfer-Truppe setzte in Sachen Klangbalance, Textverständnis, Stilgefühl und Ausdruckswärme höchste Maßstäbe.

Morten Lauridsens berückend delikat nuancierter Repertoirehit "O magnum mysterium" (1994) bildete den magischen Mittelpunkt des erlesenen Programms, das ansonsten fast ausschließlich weniger bekannte Stücke enthielt und so zu zahlreichen Entdeckungen einlud.

Etwa Richard Farrants "Call to remembrance, O Lord" und "Lord, for thy tender mercy's sake", mit denen man auf einen heute eher vergessenen Kollegen von Byrd und TalLis aufmerksam machte. Oder Jan Pieterszoon Sweelincks "Venite, exultemus Domino" als leuchtende Erinnerung daran, dass der niederländische Tastenmeister auch für Vokalmusikfans viel zu bieten hat.

Als romantisches Juwel entpuppte sich Joseph Rheinbergers ebenfalls kaum geläufige Psalmmotette op. 40/1, die Schäfer und seine bravourös beweglichen Choristen besonders eloquent auskosteten. Wie expressiv und kultiviert zugleich das Freiburger Vokalensemble auf modernem Repertoireterrain unterwegs ist, ließ neben Vagn Holmboes "Benedicite Domino" (1953) und György Orbäns "Daemon irrepit callidus" (1997) vor aIlem die bildmächtige Chorbailade "Unicornis captivatur" (2001) des jungen Norwegers Ola Gjeilo, der in Oslo, London und New York studierte, exemplarisch hören.

Den Programmrahmen lieferten zwei geistliche Gesänge aus dem Jahre 1984 von Alfred Schnittke, deren charakteristisch russischer Gebetston kaum inniger umzusetzen schien. Der durch die Eccard-Zugabe "O Lamm Gottes" abgerundeten vokalen Vielfalt entsprach Gastgeber Markus Uhl mit eingestreuten Orgeltoccaten von Bach (BWV 564) und Reger (op. 59/5), bei denen beide Kuhn-Orgeln der Heidelberger Jesuitenkirche repräsentativ zum Einsatz kamen.