Stimmige A-cappella-Kunst

12.02.2017 Bild und Artikel von Walter Bronner, erschienen in der Zeitung Die Oberbadische

Lörrach (bn). Es gibt Musik, derentwegen nur einige wenige Liebhaber das Radio einschalten, wenn sie als Rundfunkkonzert angekündigt ist. Im direkten Kontakt mit den Interpreten kann sie jedoch für einen kompletten Kirchenraum zum faszinierenden Hörerlebnis werden. Etwa in der Wiedergabe durch einen Elite-Chor wie das Freiburger Vokalensemble, das am Samstagabend in Christuskirche gastierte.

Zu hören war eine Singgemeinschaft von souveräner Intonationssicherheit, lebendiger Ausformung der Notentexte und ausgeprägtem Gespür für raffinierte Klangfarben und stimmungsintensive harmonische Nuancen. Solche Vortragsqualitäten kamen vor allem den zeitgenössischen A-cappella-Gesängen einiger hierzulande wohl noch nie aufgeführten Komponisten zustatten. Zelebrierten die Konzertgeber unter dem Dirigat von Wolfgang Schäfer, ihres Gründers und Leiters seit 1971, doch eine formvollendete Vortragsweise, die auch avantgardistische Tonschöpfer als Klangmagier und Harmonien-Erfinder enttarnte.

Etwa György Orbans harmonisch dissonantes und agogisch extrem kontrastreiches „Daemon irrepit callidus“, in dem der nach Ungarn emigrierte und dort als Professor wirkende Rumäne christliches Gedankengut gegen virilen Dämonenglauben klanglich umzudeuten sucht. Geradezu besänftigend wirkte nach diesem Aufreger der folgende romantische Ohrenschmeichler „Ich liebe, weil erhört der Herr“ von Josef Gabriel Rheinberger. Die meisten weiteren modernen Werke der spannenden Vortragsfolge gerieten durchweg zu eingängigen bis anmutigen Tonbildern von frommer Inbrunst. So eingangs und zum Schluss das „Gospodi, Gospodi liduse Khriste“ und eine Vater-unser-Vertonung des 1998 verstorbenen Wolgadeutschen Alfred Schnittke, die sehr stark in den Klangregionen der orthodoxen Kirchenmusik wurzelten.

Überzeugend auch Vagn Holmboes „Benedicte Domino“ (eine Vertonung des 103. Psalms) mit deutlichen Bezügen zur alten Kirchenmusik. Als solche im Original erklangen zudem als zweites und zweitletztes Stück „Call to remenbrance“ und „Lord, for thy tender“ des englischen Renaissance-Musikers Richard Farrant in ebenso klangschöner wie ausdrucksstarker Intonation. Zuvor noch Jan Pieterszoon Sweelincks Psalmhymne „Venite, exultemus Domino“ – allesamt Beispiele für Wolfgang Schäfers mustergültige Chorerziehung, deren Resultate hinsichtlich Klangsinnlichkeit, dynamischer Abstufungen und vielschichtiger Ausdrucksnuancen keine Wünsche offenließen.

Instrumental bereicherte Lörrachs Kantor Herbert Deininger an der Orgel den Konzertabend mit Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge a-Moll (BWV 543) und Max Regers „Benedictus und Capriccio“ (op. 59).

Der Chor bedankte sich für den anhaltenden Applaus mit einer Vertonung des Chorals „O Lamm Gottes, unschuldig…“ von Johannes Eccard.