Bewegender Abschied: Das Freiburger Vokalensemble unter Wolfgang Schäfer mit Bachs h-Moll-Messe in St. Trudpert

16.10.2018 Artikel erschienen in der Badischen Zeitung - Bild von Ulf Michael Voigt

Sie waren eine Perle im Chorleben der Region: Jetzt verabschiedete sich das Freiburger Vokalensemble unter seinem Gründer und Leiter Wolfgang Schäfer aus dem Konzertleben. 47 Jahre seien genug.

Sie sind eine Generation – Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe und der Innenraum der Pfarrkirche St. Trudpert in Münstertal. Beide sind über einen mehrere Jahrzehnte umfassenden Zeitraum in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden, beide stehen am Ende ihrer Epoche, des Barock. Und dennoch glaubte man wenig Verbindendes zu erkennen in der lichten, von zarten Stuckornamenten getragenen Verbindlichkeit der süddeutsch-vorarlbergischen Architektur und der einzigen gesamten Messvertonung des Lutheraners Bach. Bis Wolfgang Schäfer und das Freiburger Vokalensemble die beiden Meisterwerke zusammenbrachten, an einem spätsommerlich leuchtenden Oktobersonntag.

Die ausverkaufte Aufführung ist keine gewöhnliche. Mit ihr setzen das Ensemble und sein Gründer und Leiter den Schlusspunkt unter 47 Jahre gemeinsame musikalische Arbeit. Als ob sie diffundierte – das Freiburger Vokalensemble wird es nicht mehr geben. Und der Abschied könnte berührender nicht sein. Denn Schäfer hat sich mit dieser Deutung ganz offensichtlich vorgenommen, protestantische Strenge nicht zum Interpretationsprinzip zu erheben: Dirigent, Sänger und Instrumentalisten korrespondieren mit Werk und Raum – der Thomaskantor wird zum Trudpertkantor. Ganz fein, zart, mit Betonung des Largo-Charakters, dabei dynamisch exzellent gestaffelt, verwebt Schäfer die Stimmen beim "Kyrie eleison". Als ob die liebenswerten, weißen Putten an den Seitenaltären und der Kanzel zum Engelschor zusammengefunden hätten – Soli Deo Gloria.

Dieses Freiburger Vokalensemble beweist auch in seinem letzten Auftritt Engelstugenden. Alle Stimmen haben große klangliche Geschlossenheit, da zeigt sich die jahrzehntelange Arbeit des großen Chorpädagogen. Überdies ist der Stimmklang jugendlich, klar und ausgewogen rund; die Artikulation ist vorbildlich, die Diktion sauber, nur ganz selten, wie bei den S-Schlussfloskeln im "Crucifixus" mit Spurenelementen von Fehlbarkeit.

Eine große Stärke dieser Interpretation ist auch die Konzentration. Schäfer, die Sänger und Instrumentalisten halten die Spannung, zumal in den Sinneinheiten dieses gewaltigen Werks: nicht zuletzt auch wegen der Kontrastsetzung, gerade beim "Gloria" und beim "Symbolum Nicenum", dem Glaubensbekenntnis, mit seinen großartigen Affekten. Das Instrumentalensemble, das Schäfer für dieses Abschiedskonzert zusammengestellt hat, nimmt sich dieser in beredter historischer Informiertheit an. Konzertmeisterin Anne Katharina Schreiber führt mit ihrem überlegenen, von verinnerlichter Tongebung getragenen Spiel die Riege bemerkenswerter, solider solistischer Leistungen an – die Klangbalance zum Chor ist gut. Auch die zu den Solisten. Verena Groppers intimer lyrischer Sopranklang und der wunderbar geerdete, intensiv strahlende Mezzosopran von Marion Eckstein setzen Maßstäbe – auch im Mischklang. Christian Rathgeber empfiehlt sich mit seinem obertonreichen, hellen Tenor auch als Mozart-Interpret; Ekkehard Abeles Bass ist von erhabenem Fundament und großem Volumen.

Das Engelskonzert endet mit gewaltigem Applaus. Und mit je einer Rose von allen Vokalisten für den Dirigenten. Wolfgang Schäfer wiegt den Strauß wie ein kleines Kind – seine Mimik signalisiert große Dankbarkeit. Sie sei an dieser Stelle ausdrücklich erwidert.