Bach als Rakete

02.01.2016 von Georg Rudiger, erschienen in der Badischen Zeitung

Silvesterkonzert I: Vokalensemble und FBO.

Beinahe hätte der Dirigent Wolfgang Schäfer seinen Chor am Ende eines beglückenden Weihnachtsoratoriums vergessen. Aber als er dann doch das Freiburger Vokalensemble aufstehen ließ, nachdem zuvor das Freiburger Barockorchester (FBO) und die Solisten ausgiebig gefeiert worden waren, ging ein Beifallssturm durchs Konzerthaus. So tänzerisch und transparent hat man Bachs Werk selten gehört. Der rund 45-köpfige Chor [...] besticht durch Beweglichkeit, Homogenität und hohe Textverständlichkeit. Die Konsonanten sind ganz bewusst als rhythmische Impulse eingesetzt. Und das Ensemble kann immer noch zulegen, wenn Schäfer wie im Eingangschor der letzten Kantate "Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben" kleine Schweller fordert.

Schäfers Interpretation überzeugt auch durch große Natürlichkeit. Für jeden Choral entwickelt er mit seinem Chor eine eigene Stimmung (besonders eindringlich: "Ich steh an deiner Krippen hier"). Die Tempi insgesamt sind flott, aber nie gehetzt. Und wenn das Freiburger Vokalensemble heikle Koloraturen singen muss wie in "Ehre sei Gott in der Höhe", nimmt der erfahrene Dirigent den schnellen Puls eine Spur zurück, ohne den Schwung zu gefährden. Überhaupt denkt Schäfer immer in großen Zusammenhängen. Die Pausen zwischen den einzelnen Nummern sind kurz. Unaufgeregt führt er durch die Partitur, die nicht zuletzt durch das vorzügliche Freiburger Barockorchester eine Frischzellenkur erhält.

Der Evangelist setzt Maßstäbe


Schon bei "Jauchzet, frohlocket" zu Beginn schaffen die scharfen Fanfaren der Streicher einen Gegenpol zum Blechglanz der vorzüglichen Trompeten (Jaroslav Roucek, Karel Mnuk, Almut Rux). Die Klangfarben der historischen Instrumente verleihen dem häufig gespielten Werk einen neuen Anstrich. Besonders die Stopfkünste der Hornisten (Bart Aerbeydt, Gijs Laceulle) in der vierten Kantate oder das reiche Obertonspektrum der Oboen schaffen aufregende Hörerlebnisse. Schade, dass man die Flötenkünste von Karl Kaiser wie bei der von Sebastian Kohlhepp wunderbar leicht und leuchtend gesungenen Frohe-Hirten-Arie zum letzten Mal in Freiburg gehört hat, da sich das langjährige FBO-Mitglied mit diesem Konzert verabschiedete.

Kohlhepp, der am Theater Basel gerade als Tamino in Mozarts "Zauberflöte" zu erleben ist, setzt mit seinem farbenreichen Tenor als Evangelist Maßstäbe. Marion Ecksteins tragfähiger, in den Spitzentönen gelegentlich forcierter Alt schafft genauso wie Andrè Schuens weicher, geschmeidiger Bariton intensive Momente. Emöke Baráth (Sopran) gefällt mit Leuchtkraft und klarer Linienführung, wenn auch stilistisch nicht immer alles stimmig erscheint. Am Ende einer kraftvollen Aufführung darf man sich beim Abschlusschor "Nun seid ihr wohl gerochen" ein letztes Mal dahintragen lassen von der Energie der Ausführenden. Die Trompeter begeistern mit glitzernden Läufen, die an diesem Silvesterabend wie Raketen in den Himmel steigen.