Staunen und Gänsehaut

10.02.2015 von Torben Halama, erschienen in der Badische Neue Nachrichten

Feinste A-cappella-Musik: Das Freiburger Vokalensemble in der Stephanskirche

Mit A-cappella-Musik aus vier Jahrhunderten im Gepäck besuchte das Freiburger Vokalensemble die Karlsruher Stephanskirche. Am Pult nach wie vor: Gründer und Dirigent Wolfgang Schäfer. Anfang der 1970er Jahre entstand der Chor, der es schnell zum international angesehenen Kammerchor brachte, von Berlin bis Beirut auftrat und zahlreiche CDs und Schallplatten einspielte. Die hohe Qualität des Ensembles kam im Akustik-Tempel Stephanskirche zur vollen Entfaltung. Um nicht um den heißen Brei herum zu reden: Die Freiburger boten eine Galavorstellung feinster A-cappella-Musik.

Den Auftakt machte Johann Hermann Scheins „Herr, lass meine Klage“. Ein fünfstimmiger Satz, der mit perfektem Timing, gerade bei den fugenhaften Einschüben, vorgetragen wurde. Neben weiteren bekannten Komponisten wie Anton Bruckner, Albert Becker oder Johann Michael Haydn, Joseph Haydns Bruder, waren es aber vor allem die Stücke der weniger verbreiteten Künstler, die an diesem Abend für Furore sorgten. Etwa das „Missa brevis“ des erst kürzlich verstorbenen Norwegers Knut Nystedt. Die „Kyrie“ beginnt mit engen Verschiebungen der Akkorde in einem dramatischen Piano. Mit drängender Chromatik erhebt sich der Klang innerhalb weniger Takte zu einem fulminanten und kaum zu überbietendem Fortissimo. Das ist technisch höchst anspruchsvoll und für den Zuhörer gerade deshalb eine Wonne, weil der Chor mit drahtseilartiger Spannung beinahe ins Flüstern zurückkehrt und den Schlusston in die Ferne entlässt. Ähnlich elegisch und schwebend geht es mit den Werken „Issad, ma hüün Su poole“ und „Kiida mu hing, Issandar“ des estnischen Komponisten Cyrillus Kreek (1889 bis 1962) weiter. Warm und emotional präsentiert das Vokalensemble diese Psalmvertonungen. Der Vortrag des Chores wurde von zwei Orgelstücken in drei Blöcke unterteilt. Neben Bachs „Pièce d’orgue, BWV 572“ über die Dreieinigkeit Gottes, war es Olivier Messiaens (1908 bis 1992) „Les Mains de l’abime“ das mit Gewalt durch das Kirchenschiff drang. Kantor Patrick Fritz-Benzing hatte sein Publikum vorgewarnt und erklärt, dass dieses Stück, übersetzt „Die Hände des Abgrundes“, auf endzeitliche Beschreibungen des Propheten Habakuk rekurriert. Der Abgrund wurde mit breiten, extrem gefächerten Fortissimo-Akkorden präsentiert. Die ersten Akkorde fuhren einem durch Mark und Bein, beklemmende Schreie, arhythmisch, atonal. Ein Stück wie ein wilder, düsterer Traum. Messiaen malt dabei mit breitem Pinsel ein angsterfülltes, panisches Bild, dass Fritz-Benzing in beneidenswerter Fertigkeit präsentiert. Das urplötzliche Ende nahm einem die Luft zum Atmen.

Mit dem Stück „Libera me“ des ungarischen Komponisten Lajos Bárdos brachte Dirigent Wolfgang Schäfer eine weitere Überraschung zur Aufführung. Mit galoppierendem Unisono trieb das Ausnahme-Ensemble den Klang mit Macht bis unter die opulente Kuppel des Gotteshauses. Impulsiv und  akzentuiert kam dieser Satz daher. Besungen wurde die Hoffnung auf die Errettung, die Angst vor Feuerqualen, der „Tag des Zorns, der „Tag der Klage“.

Plötzlich ergab sich der Kammerchor im weichen, harmonischen Miteinander, klar und rein, leicht und schwebend. Nun wurde die Ruhe besungen, der Frieden. Diese eng am Text liegende Komposition brachte, wie überhaupt das ganze Konzert, Staunen und Gänsehaut.